Maja's Schöpfungsgeschichte

In dieser Geschichte kommt das Element Erde zum Ausdruck. Erde ist das, was wir im Bauch unserer Mutter, mit der Muttermilch und mit der Nahrung bekommen haben. Das sind auch alle familiären, gesellschaftlichen und kulturellen Geschichten. Es ist nicht egal, mit welchen Geschichten wir aufwachsen. Sie prägen unser Empfinden und Handeln. Ich möchte mit dieser Geschichte ein anderes Bild und ein anderes Verständnis für diese Welt öffnen.

 

 

Vor ihr erstreckt sich eine liebliche Landschaft, sanft geschwungene Hügel, eine herrliche Abendstimmung im Frühsommer. Ein leichter, sanfter Wind streicht über das Gras und überall blühen Blumen, leuchtend, von Insekten umgarnt. Mücklein tanzen im roten Licht der Abendsonne. Die Grillen zirpen ihren Brauttanz.

Froh hüpfend springt sie durch die Wiese. Sie ist ganz Ausdruck von Lebenslust, nimmt sich wahr in ihrer Bewegung. Spürt das Gras an ihren Beinchen, eine milde Abendbrise streichelt ihr die wilden, dunklen Haare, eine Melodie inspiriert ihre Bewegungen. Sie bleibt stehen, alles vergessend, kniet sich nieder und nimmt einen Marienkäfer auf den Finger. Zuerst bewegt sich dieser nicht, bleibt ruhig, macht ihr einen kleinen, gelben Fleck auf den Fingernagel. Dann beginnt er den Finger, die Hand und den Unterarm zu erwandern. Kitzelt leicht. Sie dreht den Arm so, dass sie ihn gut sehen kann. Dann plötzlich bleibt er wieder stehen, öffnet seine Flügel und fliegt davon. Sie schaut ihm staunend nach.

Am gleichen Ort nimmt sie das erneut beginnende Zirpen einer Grille wahr. Sie macht eine kleine Bewegung und die Grille verstummt und verschwindet in ihre Höhle. Bewegungslos und ruhig bleibt sie vor dem Loch knien, wartet und beobachtet. Die Grille kommt wieder raus, fühlt sich sicher und beginnt ihr Werben erneut. Die Kleine freut sich.

 

„Maja!“ Ihre Mutter ruft sie. Die Kleine springt auf und rennt zu ihrer Gruppe. Die Männer haben ein Feuer gemacht und alle aus der Siedlung haben sich darum versammelt. Der Abend ist angebrochen und die Nacht nicht mehr weit. Jemand schlägt die Trommel. Es wird gelacht und geschwatzt. Die Mutter empfängt ihr Kind lachend mit offenen Armen, nimmt es hoch, wirbelt es, herzt es und lässt es wieder runter.  Die Mutter setzt sich zu den Frauen ans Feuer. Maja geht von einem zum andern. Die Männer necken und kitzeln sie. Auch sie haben sich im Schneidersitz um das Feuer gesetzt. Bei Urgat, einem älteren, zahnlosen Mann fühlt sie sich wohl und lässt sich in seinen Schoss fallen. Er hebt sie auf ein Bein und lässt sie darauf reiten. Beide lachen, bis sich das Spiel erschöpft. Wiegend kommt sie in seinen Armen in die Ruhe und geniesst noch eine Weile seine Nähe. Urgat merkt ihr aufkommender Durst und sanft stellt er sie auf ihre Beine. Maja rennt rufend zu ihrer Mutter. Diese empfängt sie, nimmt sie auf ihren Schoss und lässt sie die Brust suchen. Noch einmal blickt sich Maja in ihren Armen um, blickt in die Gruppe und das Feuer, wendet sich dann der Brust zu und beginnt gierig zu nuckeln. Bereits die ersten Schlucke haben etwas Beruhigendes. Ihr Blick verliert sich. Die Geräusche nimmt sie nur noch verschwommen wahr. Nur als die Erwachsenen in ein Lied einstimmen, dreht sie nochmals den Kopf. Die Mutter streichelt ihr zärtlich über den Kopf. Maja ist geborgen, bei ihrer Mutter, ihrer Stimme, an der Brust, im Kreis ihrer Gruppe, am Feuer, welches die Nacht vertreibt. Die Gesänge und Lieder lullen sie ein. Sie spielt mit ihren Händen und Füssen, lässt dabei die Brust nicht los, bis im Spiel der Schlaf zu ihr kommt und sie sanft ins Traumland mitnimmt.

 

„Sirum, erzähl uns eine Geschichte!“ Sirum ist die Älteste der Gruppe und hat schon viele Winter erlebt. Ihre Beine können nicht mehr so schnell laufen, dafür hat sie eine besondere Gabe, die alten Geschichten so spannend zu erzählen, dass sie jeden damit in ihren Bann zieht. „Erzähl uns vom Anfang!“ Und Sirum beginnt: „ Am Anfang war die Absicht. Das ist nicht viel, aber ein Anfang. Die Absicht war nicht Gegenstand oder Wort, sie war eher wie ein Gefühl und fühlte sich alleine, weil um sie herum nichts war. So begann sich die Absicht zu sehnen. Nie verklingt ein Wunsch ungehört. Das Nichts um die Absicht begann sich zu regen und begann zu reden. „Oh, wie schön. Ich bin!“, sagte das Nichts entzückt und wurde in dem Augenblick zu einem Ei. Die Absicht war erfreut und begann zu leuchten. „Wer bist du?“, fragte die Absicht. Das Ei überlegte und antwortete:“ Ich bin die sich Wandelnde. Und wer bist du?“ „Ich bin der Strahlende.“, entgegnete die leuchtende Absicht. So begannen die zwei, die Wandelnde und der Strahlende, sich zu unterhalten. Es wurde ihnen aber bald langweilig. So verharrten sie lange still beieinander, bis sich im Ei eine Melodie regte und es begann zu summen. Der Strahlende geriet so in Entzücken, dass er vor Aufregung anfing sich um das Ei zu bewegen. Die Musik und die Bewegung gefielen beiden so gut, dass das Ei immer neue Variationen der Melodie erfand und der Strahlende immer schneller um das Ei zu tanzen begann. Dabei begann der Strahlende in die Melodien einzustimmen und das Ei fing an, sich tänzerisch zu bewegen. Es war eine wahre Freude! Der Strahlende sprühte vor Glück, wurde weiter in seinem Kreisen um das Ei und versprühte sein Leuchten immer mehr. Und so entstanden die Sterne und der Mond. Auch sie begannen in den Reigen miteinzustimmen. Das Ei wurde von der Bewegung des Strahlenden angesteckt und begann zu wachsen. „Oh, wie schön du bist!“, schwärmte der Strahlende und die Wandelnde lachte, freute sich und rief dem Strahlenden zu: „Und du tust mir gut.“ Im Stahlenden erwachte damit die Liebe. Diese wurde zu einem Feuer und begann das Ei zu wärmen. Damit ist die Sonne geboren. „Es ist gut, Strahlender, dass du dich um mich bewegst.“, sagte das Ei. „Du würdest mich verbrennen, wenn du stehen bleibst.“ Und lachte dabei. Der Strahlende meinte darauf: „Ich schick dir auf die andere Seite meine Kinder: den Mond und die Sterne. Sie sollen dich an mich erinnern.“ Die Wandelnde fühlte sich wohl bei so viel Liebe und ihre äussere Haut bekam Risse. Aus ihrem Inneren sprudelte Wasser und begann die ganze Eioberfläche zu bedecken. „Wie schön!“ rief da der Mond aus. Er fühlte sich vom Wasser gleich fasziniert und konnte es fast nicht mehr aus seinem Blick lassen. Auch das Wasser fühlte sich vom sanften Licht des Mondes angezogen und in ihrer Liebe füreinander kam es zu einem innigen Kuss. Aus dieser Hochzeit gingen alle Wassertiere hervor. Wasser und Mond sind sich bis zum heutigen Tag treu geblieben und das Wasser erzählt nachts von seinem Geliebten und der Mond lässt das Wasser nur ungern los.

Das Wasser auf der Oberfläche des Ei’s weichte die Schale der Wandelnden auf und liess fruchtbare Erde entstehen. In ihrer Liebe für die Sonne, dem Strahlenden erhob sie sich aus dem Wasser um sich ihm neu zu zeigen. Dem Stahlenden gefiel die Verwandelte noch besser. Mit all den neuen Kurven, Kanten und Flächen, die sie ihm stolz zeigte, entbrannte in ihm die Leidenschaft und er näherte sich ihr im Wunsch sich mit ihr zu vermählen. Doch da rief die verwandelte Erde ihm zu: „ Halt! Was fällt dir ein? Einfach so zu kommen! Du verbrennst mich ja. Das geht nicht.“ Die strahlende Sonne war tief bestürzt und zog sich wieder auf ihre Bahn zurück. Lange umrundete sie die neuverwandelte Erde und fragte wie sie sich ihr näher kommen könnte, ohne sie zu verbrennen. Dann kam ihr eine Idee. Behutsam näherte sie sich der Erde und schenkte ihr die vier Winde: den Ostwind, den Südwind, den Westwind und den Nordwind. „Meine Schöne und Gute! Ich bringe dir Kühlung.“ Mit diesem Geschenk konnte die Erde ihre Arme öffnen und Sonne und Erde vereinten sich im Tanz und Gesang ihrer Liebe. So kam es, dass sich in der Erde die ersten Samen regten. Für die neuvermählte Erde war es wie ein Kitzeln unter der Haut und sie musste lachen. Mit dem Raum von den vier Winden konnten Regenwolken entstehen. Der Regen half der Erde, vertrieb ihr Kitzeln und brachte alle Pflanzen hervor. Welche Pracht da entstand! Flechten, Moose, Gräser, Blumen, Beeren, Sträucher und Bäume. In herrlichen Farben glänzte die jungvermählte Welt. Ein glückseliges Lächeln umschmeichelte ihr Gesicht und eine sanfte Melodie erklang aus ihrer Brust.

So kam es, dass die Tiere des Wassers neugierig wurden auf diese neue grüne Welt jenseits ihres Elementes. Die Pflanzen ihrerseits präsentierten sich in ihrer ganzen Schönheit und lockten die Wassertiere an Land. Das gefiel den Tieren und so kamen immer mehr: zuerst kamen die Otter und Bieber, dann die Wölfe und Löwen, dann die Rinder und Hirsche, dann die Bären und Elefanten, dann kamen die Vögel die Kleinen und die Grossen, die Bunten und die Geschwätzigen und ganz zum Schluss kamen die kleinen Tiere, die Mäuse und Schlangen, die Bienen und Heuschrecken, die Käfer und Fliegen. Die kleinen Tiere vermehrten sich aber so heftig, dass sie bald zur Plage wurden. So dass die Pflanzenwelt die grossen Tiere bat, für ein Gleichgewicht zu sorgen, was diese gerne taten und ihnen auch bald sehr gut schmeckten.

Vater Sonne gefiel, was er sah und zog gütig tagein, tagaus um die Erde. Sein Kommen kündete er mit dem schönsten Licht und sein Gehen mit den wärmsten Farben an. Mutter Erde nährte und umsorgte alles. Sie waren wie ein Elternpaar, das sich über seine Kinder freut. Sie fragten sich aber, ob sie vielleicht noch eines haben wollen. Und sie staunten nicht schlecht, als bei dieser Frage die Pflanzen, die Tiere, das Wasser, der Mond, die Winde und die Sterne einmischten: „Ja, Ja. Lasst uns die Menschen machen.“ Gleich alle kamen mit Ideen, wie der Mensch sein könnte: „Er könnte von uns Leuchten lernen.“, sagten die Sterne. „Ich würde ihnen den inneren Rhythmus des Wachstums bringen.“, meinte der Mond. „ In mir können sie baden.“, sagte das Wasser. Der Nordwind wollte ihnen Weisheit bringen, der Westwind Stärke, der Ostwind Mut und der Südwind Vertrauen. Die Tiere sprachen alle durcheinander. Jedes wollte etwas mitgeben. Die Pflanzen wollten nähren und heilen und die Bäume beschützen. Da kamen Mutter Erde und Vater Sonne an einem lauen Abend im Mai kurz bevor die Sonne unterging an die Stelle dort unten an den Fluss. Mit ihnen versammelten sich alle Tiere, alle Pflanzen, alle Steine, alle Winde und der Mond. „Tretet etwas zurück!“, sprach Vater Sonne und alle versammelten sich schweigend und gespannt im Kreis. Mit Blütenstaub begann Mutter Erde die Umrisse zweier Menschen in den Sand zu zeichnen Dabei sang sie leise. Alle im Kreis Stehenden fielen in den feinen Gesang mit ein. Dann traten zuerst der Löwe heran und sprach: „Ich wünsche dir Kraft!“, die Fische: „Wir zeigen dir die Liebe und die Hingabe!“, die Vögel zwitscherten: „Wir wecken in dir das Seelenlied!“, der Ochse brummte: „Von uns kannst du die Ausdauer, die Verantwortung und den Gleichmut lernen. Wir werden dir beistehen.“ Das war das Stichwort für noch andere Tiere, die sich diesem Begleiten-Wollen anschliessen wollten, wie der Hund, die Katze, das Huhn, das Schaf und die Maus. Die Steine sprachen: „Wir werden dich beschützen!“. Das Wasser des Flusses schenkte die Tränen. Blätter und Blüten bedeckten den Körper und gaben ihm Form. Vater Sonne goss Wärme in die Körper und dann verschwand er mit dem letzten Sonnenlicht. Mutter Erde deckte die beiden Menschen mit ihrem Mantel zu und fing an die zwei langsam zu umrunden. Alle Tiere machen es ihr nach und ihr langsamer Schritt gab den Takt vor, der ihren Gesang begleitete. Das Wasser des Flusses rauschte. Die vier Winde wirbelten mit ihren guten Gaben über die Menschen hinweg und liessen deren Glieder erzittern. Der Mond zog seine Bahn. Die Sterne funkelten. Der Takt der Füsse, das Rauschen des Wassers und die Melodie der Natur brachte das Blut der Menschen in Gang. Und als am Morgen Vater Sonne seine ersten Strahlen auf die Menschen warf, erwachten sie.

So sind unsere ersten Urahnen entstanden.“

 

Von Barbara Stemmler

© Text und Bild

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